eingepackt

Interview

Genderdysphorie

Unsere Haut markiert den Begrenzungsrahmen zwischen Innen und Außen. Sie umgibt uns; von oben bis unten, sind wir in ihr verpackt, umhüllt. Everybody’s different & in jeder Haut würde man sich auch anders fühlen. Wir können nicht tauschen. Wenn wir einen anderen Körper wollen, müssen wir an unserem eigenen was verändern, die Verpackung transformieren und neu designen.

––– Magst du dich kurz vorstellen?

Mein Name ist Cameron. Cameron Juna Wiest. Ich bin 3D Artistin und mache seit 9 Jahren Design und Film und ich bin eine Transfrau. Ich bin jetzt noch 23 und werde im August 24.Ich transitione sei 4 Jahren. Krass wie lange ich schon auf die OPs warte, während es Leute gibt, die sich vor 2 Jahren geoutet haben – die jetzt schon ihre OPs haben. Wie ist das möglich?

––– Braucht man nicht auch die ganzen Bescheinigungen für die Versicherungen?

Ja, deswegen frage ich mich, warum das möglich ist. Vor allem mit Corona schiebt sich das alles hin und her.

––– Was bedeutet Körperdysphorie?

Körperdysphorie ist zum Beispiel, wenn du magersüchtig bist; siehst du dich als fett und versuchst immer dünner zu werden. Das ist Körperdysphorie. Das überträgt sich auf Genderdysphorie, was dasselbe ist, wie: du bist ein Mann, oder eine Frau und du fühlst dich als das Gegenteil – das gegensätzliche Geschlecht. Das geht beides ein bisschen ineinander über. Wenn du Genderdysphorie hast, hast du meistens auch Körperdysphorie. Denn wenn du dich selbst im Spiegel anguckst und du siehst dein Geschlecht, du siehst deinen Körper, du siehst dein Gesicht: du nimmst diese männliche Seite wahr, aber würdest gerne genau das Weibliche sehen.

Und du wirst meistens aber viel eher dadurch konfrontierst, wenn du andere Frauen auf der Straße siehst. Wenn du andere Frauen siehst, wenn du aus dem Haus gehst. Weil du dich vergleichst. Weil du weißt, wie du im Spiegel aussiehst. Zumindest, du denkst zu wissen, wie du im Spiegel aussiehst, du hast eine gewisse Vorstellung von dir selbst. Und die ist ein bisschen verdreht. Viele Leute sehen dich anders, als du bist. Wenn du Dysphorie hast, ist es meistens alles in deinem Kopf.

––– Da bist du eigentlich an einem Punkt, wo du totalweiblich aussiehst, aber wie du dich selber im Spiegel siehst, das passt dazu nicht.

Der nächste Teil von Dysphorie ist: Es überträgt sich auf deine Psyche und auf dein Verhalten. Zum Beispiel; wenn ich mich ultra breitfühle, dann bewege ich mich anders oder stelle ich mich anders dar. Wenn mein Gesicht für mich ultra männlich wirkt, dann fühle ich mich im Alltag unwohl eine sehr weibliche Stimme zu verwenden. Weil es für mich so wirkt, als würde das nicht zusammengehören. Und das ist für mich schwer, weswegen ich das Ziel habe, das mit Operationen zu behandeln. Mir ist bewusst, dass es sich in meinem Kopf abspielt, aber gleichzeitig ist ja auch was Echtes da. Sonst wäre meine Stimme weiblicher, sonst wäre meine Selbstdarstellung weiblicher.

––– Es ist auch ein schwieriges Thema; Selbstdarstellung. Wie man sich selber wahrnimmt. Wie man sich darstellt. Wie man sich anzieht. Wie man gelesen wird.

Ja, ich sehe viele Frauen bei gutem Wetter joggen, in Tank Tops, in kurzen Hosen, usw. Mein Problem war bisher immer, dass mir ohne Geschlechtsangleichung der Teil fehlt, um Hot-Pants zu tragen und mich damit wohl zu fühlen / einen Bikini zu tragen und mich damit wohl zu fühlen. Es sieht dann auch falsch aus. Du kannst nur bis zu einem bestimmten Grad alles verstecken.

––– Du findest ein Teil des Körpers gehört einfach nicht zu dir und das bist nicht du…

Ja, das blöde ist, dass du dich dann in so einer Situation, wo du eigentlich geistig schon weit genug bist, versteckst – in so einer Fassade. Ich gehe dann zum Beispiel nicht gerne Schwimmen mit Freunden. Weil es diese 2 Schritte noch braucht; es braucht den Schritt der Geschlechtsangleichung und den Schritt der Brustvergrößerung. Sonst fühle ich mich einfach nicht wohl. Und ohne diese Schritte, werde ich mich weiter hinter irgendwelchen Fassaden verstecken. Und je weiter ich mich verstecke, desto weniger kann ich ich selbst sein. Und das macht die Dysphorie nur noch schlimmer. Du guckst in den Spiegel und du kannst nie das sehen, was du sehen willst.

Ich kann mir vorstellen, dass es Leute gibt, die sich komplett auf geistigem Level behandeln lassen können. Aber ich glaube es ist schwierig.

––– Eine Therapie ist ja generell auch schwierig über rein sprachliche Kommunikation.

Ja, das Problem ist, dass die Dysphorie durch das visuelle, das körperliche ausgelöst wird. Wenn man Genderdysphorie nur mit OPs lösen kann, dann kann man Körperdysphorie auch nur mit OPs lösen.

––– Meinst du?

Schon.

––– Das ist interessant. Es gibt ja auch sonst einige Menschen, die sich operieren lassen, weil sie sich sonst nicht wohl fühlen oder, wenn sie viel zugenommen haben, oder zu kleine Brüste haben… manche fühlen sich dann ja auch nicht wohl.

Wenn sie sich danach wohl fühlen ist das Problem gelöst. Durch den Lockdown schiebt sich auch meine OP weiter nach hinten. Für viele Menschen ist dieses Licht am Ende des Tunnels wichtig. Es gibt auch viele Transmenschen, die anders als ich, sehr viel mehr mit Selbstmordgedanken leben. Für mich ist das schon ziemlich scheiße, dass man noch länger warten muss, bis man das alles hinter sich hat. Das macht vieles kaputt, weil man umso länger mit sich selbst kämpft und ein bisschen die Freude daran verliert, weil das Licht am Ende des Tunnels, ein bisschen wegfährt. Deswegen ist es schwierig. Das ist Dysphorie.

Gibt es auch etwas, was dir jetzt an dir richtig gut gefällt? Du hast jetzt schon eine große Veränderung durchgemacht.

Wenn du dich entwickelst, passiert das über einen sehr langen Zeitraum und irgendwann kommst du an einem Punkt an, wo die Entwicklungen immer langsamer werden. Gerade jetzt, wo ich warte. Du fühlst dich teilweise so, als würdest du Schritte zurück machen. Man fühlt sich so, weil man nicht wirklich vorankommt. Ich habe mein altes ich einfach vergessen. Es ist nicht mehr da. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, dann denke ich nicht an meinen alten Charakter, an mein altes ich. Es hat sich einfach so viel getan. Es ist auch ein bisschen vorüber. Und ich würde super gerne diese nächste Veränderung mit den OPs machen – und es hinter mir haben.

––– Das ergibt Sinn, du bist jetzt auch an dem Punkt, wo du eben bist, und nicht, wo du irgendwann warst. Du bist im Hier & Jetzt und man guckt immer darauf, was als nächstes kommt.

Man guckt auch immer auf seine Fehler. Ich würde super gerne mit meiner Stimme vorankommen, und ich arbeite sehr viel daran, aber, wenn ich das trainiere und nach dem Training mit meiner Stimme spiele, dann kann ich die Stimme erreichen, die ich haben will – ich kann sie nicht halten, weil ich nicht genug Muskelkraft dafür habe – aber ich kann sie machen. Und wenn ich dann dabei in den Spiegel gucke, dann fühle ich mich dabei falsch. Das ist, was ich vorhin erklärt habe. Weil ich mein Aussehen anders wahrnehme als andere.  

––– Man hat das ja auch irgendwie noch einfach drin, wenn man sich so lange so verhalten hat…

Ja, deswegen will ich auch mein Gesicht anpassen lassen. Weil ich das Gefühl habe – ich kann das nicht wissen – aber ich habe das Gefühl, dass ich mich irgendwann dadurch einfach wohler fühlen würde. Und dadurch, dass ich mich wohler fühle, mehr so leben kann, wie ich für mich privat lebe. Wenn ich privat lebe, dann verhalte ich mich weiblicher, dann fühle ich mich weiblicher. Dann spreche ich meistens sogar mit einer höheren Stimme. Das ist schade, dass wenn ich rausgehe, oder jemand hier ist; dass es dann verschwindet. Dass es nur wenige Leute gibt, bei denen ich mich so verhalten kann. Das ist dieses versteckt sein, dass man eigentlich hat, während man sich noch nicht geoutet hat. Während man sich in seinem eigenen Zimmer einfach wohler fühlt. Deswegen beneide ich momentan einfach das sich Wohlfühlen in der Öffentlichkeit. Sich in seiner Rolle fühlen, in seinem Körper fühlen, und in seinem Outfit fühlen.

––– Man hat auch oft – das hat glaube ich jeder, eine Idee von sich, wie man sich verhalten will oder wer man eigentlich ist.

Ich glaube, wenn ich ehrlich bin; über Corona hat sich das zurückgebildet. Ich glaube, dass es vor Corona – wo wir noch mehr rausgegangen sind, wo ich im Allgemeinen noch mehr draußen war – ein bisschen weggegangen ist. Die Angst / das Problem, sich selbst darzustellen und in der Öffentlichkeit wohl zu fühlen.

––– Weil man sonst sowieso draußen war. Wenn du alleine bist, man macht sich viel mehr Gedanken, statt etwas umzusetzen.

Ja, und du bist auch einfach mehr drin. Ich komme so selten aus dem Haus momentan, dass die Selbstdarstellung, die Stärke, die ich gewonnen habe, ein bisschen verloren gegangen ist. Ich war auch am Daten vor Corona. Und es hat gut funktioniert. Daran denke ich viel zurück. Das war ein Typ, der war Pansexuell. Vielleicht war ich da noch nicht so weit, aber lustigerweise ist er einer, bei dem ich mich in meiner Rolle als Frau, sehr wohl fühlen konnte. Ichglaube auch, dass ich mich nach meinen OPs, allgemein bei Männern extremweiblich fühlen kann. Und extrem als Frau fühlen kann, ohne mir irgendwelche Vorwürfe zu machen. Weil, er mir das geben konnte. Ich glaube auch, dass mir eine Frau so ein Gefühl geben könnte, in einer Beziehung.

––– Du hast gesagt, dass du dich bei ihm so wohl gefühlt hast, es ist vielleicht auch interessant, dass einige Leute einem so ein Gefühl geben können, und andere irgendwie nicht.

Ja, die Frage ist, ob ich lernen müsste, ohne das auszukommen. Ich möchte schon gerne eine Beziehung. Ich fühle mich auch so, als wäre das das einzige, was in meinem Privatleben fehlt, aber gleichzeitig müsste ich auch lernen, mir selbst die Gefühle zu geben, die mir jemand geben kann, und das nicht zu benötigen.

––– Da gibt es sicher auch immer wieder Phasen, in denen man das kann, und dann wieder nicht.

Ja klar, das geht immer in Phasen. Es geht auch in Phasen, dass ich mich super weiblich fühle – auch draußen. Das Problem ist, dass ich das Gefühl habe, dass es zu selten ist. Es müsste öfter so sein.

––– Viele Leute wollen sich auch ohne Geschlechtsumwandlung operieren lassen, weil sie sich dann wohler fühlen, was sagst du dazu?

Wenn man darüber nachdenkt, in Deutschland, in unserer Gesellschaft ist das so ein bisschen komisch, aber wenn du nach Amerika gehst ist das völlig normal.

––– Jeder kann mit seinem Körper ja auch machen, was er will.

Ja, eigentlich schon. Aber es ist in Deutschland ein bisschen verneint.

––– Man denkt, dass es krankhaft wäre, weil es Ideale gibt, die von außen auf einen wirken. Aber wenn man sich selber anders wohler fühlt, also wenn es von Innen kommt, ist das eine andere Entscheidung, als wenn es von außen auferlegt wird.

Gleichzeitig wirst du überall auf der Welt, durch Social Media, durch das Leben in der Gesellschaft allgemein, bombardiert: mit Idealen davon, wie du auszusehen hast. Und entweder kannst du darüberstehen, oder du kannst es nicht. Mein Problem war prinzipiell Neid darauf, dass eine andere Person, anders als ich aufwächst. So wie sie sich wohl fühlt. Dass es viele Menschengibt, die sich über die Pubertät hinweg zu dem Menschen entwickeln, der sie sind. Und der Mensch dann auch bleiben. Während ich mich durch meine Pubertät in die entgegengesetzte Richtung entwickelt habe, die ich sein will. Deswegen entwickelt sich ein Neidgefühl gegenüber Frauen, die man sieht und wo man einfachdenkt „Warum kann ich das nicht haben, warum kann ich nicht so sein?“ Und das ist unangenehm.

Ich habe das früher auch dadurch legitimiert, dass ich als Transfrau eher das Recht darauf „hätte“, oder den Anspruch darauf habe, eine Brustvergrößerung zu machen. Wenn man das mit anderen Frauen vergleicht, die körperlich proportional sind, wo einiges nicht falsch ist, bin ich in einer anderen Situation. Wo ich mich als Transfrau, dank meiner Pubertät, in eine andere Richtung entwickelt habe. Mein Knochenbau, mein Brustkorb usw. Wenn jetzt Brüste(durch Hormoneinnahme) wachsen, dann sehen sie, dadurch, dass sie nicht großgenug geworden sind – falsch aus. Das sieht nicht richtig aus. Und für mich definitiv noch zu männlich, um mich so darzustellen. Deswegen muss ich eine Brustvergrößerung machen, damit die Proportionen am Ende stimmen, und das männliche so weit wie möglich versteckt ist. Es wird nie 100% verschwinden, aber wenigstens kann man es irgendwie verschleiern. Bei mir sieht man die Brüste nicht wirklich, durch meine Brustkorbform – wenn sie klein sind. Vielen Frauen haben einen kleineren Brustkorb, dann siehst du selbst die kleinsten Brüste. Das wirkt dann auch weiblich. Und das ist halt ein bisschen schwierig.

Ich habe Momente in meinem Leben, die dann irgendwie eingespeichert werden. Zum Beispiel erinnere ich mich, in der Schule, in der 8. oder 10. Klasse; man läuft durch den Gang, und dann kommt ein Kommentar von einer Klassenkameradin: „warum drückst du deine Brust so ultra raus?“ Ich bin ganz normal gelaufen. Aber meine Brust hat sich einfach so entwickelt, ich trug einfach ein T-Shirt und dann habe ich so eine Form, dass es so wirkt, wenn man kein Plan hat vom Leben. Solche Kommentare bleiben dann hängen. Und die speichern sich ein über einen längeren Zeitraum. Das ist schon total lange her und trotzdem ist dieser Gedanke da. Sowas verursacht dann später, wenn du dich falsch fühlst in deinem Körper, eine Assoziation.

––– Du hast auch gesagt, dass du es legitimiert hast OPs zumachen, dass du einen Anspruch darauf hast, weil bei dir eine Veränderung nötig ist. Und dass das bei anderen Frauen nicht der Fall ist. Denkst du, dass auch andere Frauen, wenn sie sich falsch in Ihrem Körper fühlen, einen Anspruch auf eine OP haben?

Auf jeden Fall, es gibt immer Situationen, wo es völlig legitim ist. Aber es gibt auch die Situationen, und das ist die häufigste Situation, wo du von einem A oder B Cup- auf ein D-Cup gehst. Und das ist für mich nicht legitim, da kommt es auf die Proportionen deines Körpers an. Aber es gibt OPs, da geht es wirklich nur um das Social Media geprägte Selbstbild. Zum Beispiel Es gibt OPs eine Schönheits-OP für die Vagina. Da gibt es einen komischen Social Media Trend, ganz enge, schlanke, enge Schamlippen, und keine inneren auswuchernden Schamlippen zu haben. Das heißt, dass es so ein Baby-Paket ist und aussieht wie bei einem 12-jährigen Kind. Das sind Schönheitsideale; die sind ein bisschen schwieriger zu rechtfertigen, als OP Grund. Wenn deine Vagina aussieht wie ein Penis, ich glaube dann hast du genug Grund, um eine OP zu machen. Und ich glaube es gibt auch Frauen, die haben so große innere Schamlippen, dass diese stark raus wachsen. Ich verstehe es, wenn man sich damit unwohl fühlt. Und wenn man sich damit auch sexuell sehr unwohl fühlt; natürlich verstehe ich das.

––– Wenn es ein Problem gibt, was man mit sich selbst hat, dann ist es total in Ordnung eine OP zu machen. Wenn es von außen kommt und man sich irgendwas aneignet, was gar nicht man selbst ist, dann ist es eine andere Sache.

Man kann sich zwei Situationen vorstellen. Du hast in der einen Situation viel von außen, vielleicht Mobbing, und Kommentare. Und du siehst Bilder wie du aussehen solltest. Und das prägt dann deinen Drang dich zu verändern / eine OP zu machen. Oder du hast die Situation, in diesem Fall auf die Schönheits-Operation der Vagina bezogen; du hattest Sex und hast an der Reaktion des Mannes festgestellt / oder dir ist in der Sauna aufgefallen, dass dein Körper sehr viel anders ist. Dass du eigentlich total rausfällst, weil das wirklich ganz anders ist und du das für dich selbst über einen langen Zeitraum wahrgenommen hast. Wo du verstanden hast, dass es wirklich komplett anders ist, als bei anderen Leuten. Da ist der Moment, wo es ein eher von dir selbst kommt. Wenn du eher konfrontiert wirst. Durch Mobbing, oder sonst irgendeinen Scheiß, ist das vielleicht eher von außen – wo der Fehler herkommt –wo das Problem herkommt.

––– Und dann wird es wahrscheinlich danach auch nicht besser, weil man sich am Außen orientiert und nicht am innen – und man nie allen gefällt.

Ja, ich glaube es ist immer ein Vergleichs-Bild; wie schlimmes eigentlich ist. Deswegen bin ich auch genau an der Stelle. Wenn ich sage, ich möchte eine Gesichts-Op machen, wie schlimm ist es denn eigentlich, im Verhältnis zu anderen Menschen? Mit wem könnte ich mich am besten vergleichen? Mit was für einer Gruppe von Menschen kann ich mich direkt verglichen? Es gibt einfachunterschiedliche Bilder von Frauen. Was man am meisten sieht sind Gesichter mit großen Lippen, sehr weichen Wangen, nicht unbedingt definiert. Aber die sehen sich alle irgendwo ähnlich, das gibt es sehr viel – diesen Genpool, wo alle Frauen sehr ähnlich aussehen und nicht unbedingt sehr besonders. Und gerne stuft man sich dann dazu ein, dazu zu gehören, weil sehr viele Menschen so aussehen.

Ich möchte auch so aussehen, aber es wäre ein Fehler das zumachen, weil ich damit meine eigene Identität stürzen würde, weil ich das Gesicht trage, was ich trage. Mein „inneres“ Gesicht, wie ich mich eigentlich gerne entwickelt hätte, in der Pubertät, das basiert darauf. Die Wangenknochenbleiben stark, der Mund ist nicht riesig, muss er auch nicht sein. Meine Nase ist streng und spitz, und meine Augenbrauen sind, wie sie sind. Meine Augen sind auch, wie sie sind. Und das was ich dann gemerkt habe ist: es gibt viele Frauen, die haben von Natur aus aufgeplusterte Lippen und haben mehr Fettanteil im Gesicht. Aber diese Vorstellung / dieses Aussehen, lässt sich relativ leicht übertragen, auf ein männliches Gesicht. Es gibt auch Männer, wo sich die Lippen so entwickeln. Ich glaube meine Lippen hätten sich nicht anders entwickelt, wenn ich eine weibliche Pubertät gehabt hätte. Ich glaube meine Nase hätte sich auch nicht unbedingt anders entwickelt. Und ich glaube meine Augenbrauen und meine Augen auch nicht. Meine Cheekbones wären vermutlich auch so stakt gewesen.

Aber ich glaube, es gibt immer diesen einen Unterschied, und das sind Kiefer und Stirn – es ist nur der Knochenbau. Deswegen habe ich mich auch für die OPs entschieden, die ich machen will; ich möchte nur die Teileanfassen, die sich in der Pubertät vermutlich falsch entwickelt haben. Und das ist eben der Kiefer, das Kinn, und die Stirn. Und vielleicht ein paar Kleinigkeiten, ein bisschen Haut von den Augenlieder wegzunehmen, damit das Schlupflied weggeht, wenn man eh schon dabei ist… Aber ich finde Botox- und Hyaluron Injektionen grauenhaft. Es soll möglichst natürlich aussehen. Das ist mein Ziel. Anti-Pubertät– die Pubertät rückgängig machen.

Und da befinde ich mich momentan. Mit meiner Stimme bin ich das schon angegangen. Teilweise, wenn ich im Internet bin und meine Stimme verwende, werde ich als pubertärer Junge, oder als kleines Mädchenaufgenommen. Das funktioniert, wenn ich mein Stimmtraining gemacht habe. Ich muss das Training eigentlich jeden Tag machen, möglichst morgens, bevor ich rausgehe. Und dann läuft es eigentlich den ganzen Tag. Das schöne ist, wenn ich die wirklich jeden Tag mache, dann wäre es möglich jeden Tag weiblich zu klingen. Je mehr ich das mache, desto weniger brauche ich das Stimmtraining dann, weil es vom Muskel her so antrainiert ist.

––– Das klingt nach gut und nach einem Fortschritt.

Theoretisch schon, das ist so ein blöder Werdegang…

––– Es kostet sicher Zeit und Energie. Du musst dich fühlen, wie kurz vor dem Ende einer Unterrichtsstunde, wenn man unbedingt raus will, und es in wenigen Minuten klingelt.

Ja richtig, es klingt alles so schön und als wäre ich soweit wie ich bin, aber das Problem ist, dass es noch ein bisschen was hin ist, bis diese Änderungen gemacht sind.

––– Ist es dir wichtig, was andere Menschen denken?

Das ist vielleicht auch interessant. Dir können 100 Leute Komplimente machen, wenn dir ein Mensch etwas Schlechtes sagt, macht das alle 100 Komplimente zu Nichte. Es ist schwierig. Als Transperson willst du nicht als Transsexuell wahrgenommen werden. Das ist ja dein Ziel; du willst ja „transition“, in das Geschlecht, was du sein willst. Und du bist nur transsexuell in dem Sinne, aus meiner Perspektive zumindest, solange du „transitionst“. Wenn du fertig bist, dann bist du meiner Meinung nach vollwertig das Geschlecht, in das du hin transformiert bist. Deswegen ist es für mich ein Übergangsbegriff. Das Problem ist, wenn du als transsexuell wahrgenommen werden kannst, fühlst du dich unwohl. Und deswegen ist die Wahrnehmung von außen / von anderen Menschen wichtig. Die kann dir noch so scheiß egal sein – sie kann dich trotzdem runterziehen.

Wie ist es für dich, wenn dir jemand sagt, dass du einfach irgendwie scheiße bist? Wie fühlst du dich dann?

––– Stimmt, scheiße fühle ich mich dann.

Und du fühlst dich trotzdem scheiße, auch wenn jemand nachhersagt, du bist überhaupt nicht scheiße. Es bleibt trotzdem stecken. Das ist einfach so. Und so ist das mit dem Transsexuell sein auch. Wenn eine Person dich nicht als das Geschlecht wahrnimmt oder akzeptiert, dann hast du es noch nicht geschafft, dann bist du noch nicht so weit.

––– Das klingt echt gar nicht easy. Danke für das ehrliche Gespräch.